Kein Schweiß aufs Holz

Ich gehe ja gerne in die Sauna. Nicht nur, wenn es draußen kalt ist und schon gar nicht, nur weil es gesund ist. Vielmehr ist die Sauna häufig meine einzige Rettung, wenn das Geschwurbel im Hirn einfach nicht aufhören will. Nach 15 Minuten bei 100 Grad kommen meine Gedanken zwangsläufig etwas zur Ruhe. Neudeutsch gesagt: Sauna ist ein wichtiger Teil meiner Diversity in der Work-Life-Balance - ich sag einfach nur „das Hirn ausbrennen“ tut mir gut. Und nötig habe ich das eigentlich mindestens wöchentlich.


Da trifft es sich gut, dass die Sauna gewissermaßen um die Ecke ist. Eine schöne Sauna. Hat alles, was man braucht. Nachteil: Dass es eine schöne Sauna ist, haben andere Menschen auch schon entdeckt. Da wird es halt ab und zu richtig voll. Prinzipiell aber auch noch kein Problem. Nur manchmal, da wird es richtig anstrengend. Nämlich immer dann, wenn Sauna-Traditionalisten auf Sauna-Touristen treffen – und ich sitze mittendrin. Das nervt. Besser: Die nerven! Und zwar mich!


Traditionalisten sind regelmäßige Hardcore-Saunierer. Zumeist ältere Semester, die Haut auf der Sonnenbank gegerbt und eigentlich schon lebendes Inventar. Überzeugte FKKler. Waren schon immer da und treten gerne in Rudeln auf. Sitzen oben. Kennen die Saunameister mit Vornamen. Und die Namen derer Kinder und Kindeskinder.

Die Touristen, dass sind die eher sporadischen Saunagänger. Saisonal bedingt gibt es zwar regelrechte Stoßzeiten (die berühmt-berüchtigten Brückentage), aber eigentlich ist irgendwie immer ein Grüppchen zum Sightseeing da, ganzjährig. Ganz offensichtlich, wenn sie in Badekleidung den Saunabereich betreten. Irritierte Blicke. Outen sich in der Kabine auch mit Sätzen wie: „Ganz schön heiß hier!“


Der Traditionalist betritt sein Revier mit der Aura eines Menschen, der es gewohnt ist, dass man ihm Platz macht. Tut so, als habe er die Anlage samt Personal gepachtet und beansprucht wie selbstverständlich eine ganze Saunabank. Rückt anderen Saunierern im Zweifelsfall auch gerne gnadenlos dicht auf die Pelle. „Ist hier noch frei?“ ist keine ernst gemeinte Frage, nicht einmal eine höfliche Floskel, wenn er sich neben dich platziert. Meint eigentlich nur: „Verpiss dich!“ Gerne unterweist er dann die anderen Saunagäste, nicht aufs Holz zu tropfen und weiht sie in die weiteren ungeschriebenen Gesetze der Sauna-Etikette ein. Wehe, wenn ein Tourist versehentlich auf ein Handtuch der anderen tritt oder die Badeschlappen in die Saunakabine mitnimmt. Dann ist aber Schluss mit lustig.
Wenn aber – und das kommt vor – ein armer unglückseliger Sünder sich anschickt, die Sauna während eines Aufguss zu verlassen (Selbstüberschätzung ist nun mal ein verbreitetes Problem bei den Touristen), dann läuft der Traditionalist zu wahrer Form auf. Dann liest er dem Missetäter aber die Leviten, auch wenn der das längst nicht mehr hört, da er ja schon unter der Dusche steht. Und: Der Traditionalist reserviert natürlich auch Liegen mittels Handtuch. Und wenn ich hier immer von ER spreche, in SIE gibt es das natürlich auch.

Theil / Dörig im Dampfbad
Theil / Dörig im Dampfbad

Der Tourist schätzt den „Event-Charakter“ des Saunabesuches. Da geht es nicht um Erholung, man will etwas erleben. Und das Erlebte teilt man natürlich auch gerne (mit). Also wird aufs Geradewohl schwadroniert und erzählt, dass es nur so eine Art hat. Die geselligen Plaudertaschen sitzen dann auf ihren niedlichen Gästehandtüchern und lassen herzlich gerne ihre Umgebung an ihrer Sicht der Welt teilhaben. Offener Kanal im Eiswürfel-Aufguss. Alle weiteren „Themenaufgüsse“ und Anwendungen (Salz/Honig/Klangschalenmeditation) nimmt man natürlich auch mit und dann wird auch immer ganz doll geklatscht – obwohl, ob das nur die Touristen sind, ist gar nicht ganz raus. Eckart von Hirschhausen sagt dazu: "Sauna macht debil. Anders ist es nicht zu erklären, dass jemand, der nichts weiter macht, als Wasser zu verschütten und dann mit einem Handtuch zu wedeln, spontan von allen Applaus bekommt." Hat vielleicht nicht unrecht, der Mann...


Ab und an gewinnt man auch den Eindruck, in der Sauna gehe es tatsächlich und eigentlich nur um den sportlichen Wettstreit, wer die größte Hitze wohl am längsten vertragen kann. Gerne auch geschürt durch den Saunameister. So ein Blödsinn. Wer das braucht, der soll doch zu den Sauna-Weltmeisterschaften. Die gibt es übrigens tatsächlich, seit 1999. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen: Hier geht es darum, dass derjenige, der zuletzt in der Wettkampfsauna (Temperatur: 110 Grad Celsius / alle 30 Sekunden ein Aufguss mit 1/2 Liter Wasser) sitzt, eine Runde weiter kommt. So kommt man in die ‚ultimative Weltrangliste’ der ‚Extrem-Saunierer’. O-Ton dazu: „Wer hier drin steht, hat sich bereits einen Namen in der internationalen Community erschwitzt.“ Hört sich das für Sie prickelnd an? Also ich brauche das nicht! Und der blöde Wettkampfcharakter mancher Aufgüsse geht mir tierisch auf die Nerven!

 

Aktuell (August 2010) ist die folgende Meldung dazu:

Finalist bei Sauna-WM in Finnland gestorben
Die Sauna-Weltmeisterschaft in Finnland hat ein böses Ende genommen: Der russische Finalist Wladimir Ladyschenski starb am Samstag bei dem Wettbewerb in einer 110 Grad Celsius heißen Sauna.

 

Das bestätigt mein Urteil doch in allen Instanzen.


Zuletzt noch ein Wort zum Thema „Nacktsein“. Nackt wären wir alle gleich, heißt es in einer gern zitierten Binsenwahrheit – dass ich nicht lache! Natürlich nicht, wie ein Blick in die Sauna-Runde beweist. Und auch wenn der Sauna-Ratgeber dazu sagt: „Wenn die Kleidung als Reviergrenze fehlt, sind Rücksicht und Etikette besonders wichtig, damit der Genuss für alle stilvoll statt frivol ist.“ – jeder, wirklich jeder guckt, das ist normal. Alles andere wäre auch seltsam. Und wer das bestreitet, ist entweder blind oder lügt. Spricht ja auch nichts dagegen, mal den eigenen Bauchumfang mit dem der Altersgenossen abzugleichen und dann zu entscheiden: Geht ja noch – darauf ein Hefeweizen im Bistro. Allerdings kollidiert zuweilen die mehr oder weniger natürliche Einstellung zum Nacktsein der Mehrzahl mit dem drängenden Bedürfnis Einzelner, entweder doch mal richtig und ganz genau hin zu sehen oder sich – mindestens genau so ätzend – selbst explizit zur Schau zu stellen.


Damit wären wir zuletzt bei der dritten Gruppe derer, die nerven: Die Starrer und die Poser. Da kannst du noch so natürlich mit deiner und der Nacktheit der anderen Besucher umgehen. Einer (ja, leider ist es meistens ein Mann) sitzt immer irgendwo, möglichst zentral, mit stierem Blick. Starrer und Spanner belassen es nämlich nicht beim beiläufigen Hinsehen. Nein, das ist schon eher der visuelle Vollkontakt. Und die Poser greifen sich gerne mal vor versammelter Mannschaft herzhaft ans Gemächt. Oder stolzieren in der weiblichen Version aufreizend langsam ein ums andere Mal quer durch die Anlage. Das will doch auch keiner sehen, oder?


Warum, so fragen Sie sich jetzt vielleicht, rennt der Kerl dann doch ständig wieder in die Sauna, wenn ihn da doch soviel nervt? Ganz einfach, weil sich bei mir spätestens nach den zweiten 15 Minuten bei 100 Grad eine geradezu buddhahafte Gelassenheit einstellt. Dann nehme ich zwar die verschiedenen Saunaspezies noch unbewusst war, als so eine Art Grundrauschen, aber es regt mich nicht mehr wirklich auf. Wenn ich dann aber wieder abgekühlt bin, dann könnt’ ich mich doch wieder aufregen.
Und eine generelle Frage hätte ich dann doch auch noch:

Warum gibt es in der Sauna meines Vertrauens einen Frauentag, aber keinen Männertag? Hallo?

Und warum steht bei der Herren-Dusche immer und ewig die Tür auf?